Open Banking – der Weg in die Plattformökonomie

TME Blog - Der Weg in die Plattformökonomie
(c)istock/JaCZhou

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Nun ist es also soweit, seit 14. Mai verfügt das Vergleichsportal Check24 über eine Banklizenz. Am 1. Oktober soll die „C24 Bank“ an den Start gehen. Wie schon in einer unserer früheren Analysen aufgezeigt, kann dies zu erheblichen Veränderungen im deutschen Bankenmarkt führen. Wie genau, wollen wir in diesem Artikel beleuchten.

Check24 macht den nächsten Schritt

Seit im September letzten Jahres bekannt wurde, dass das Vergleichsportal Check24 eine Banklizenz beantragt hat, wartet die Branche gespannt auf den Markteintritt. Nunmehr wurde dem Antrag durch die BaFin stattgegeben und eine Vollbanklizenz an die C24 GmbH erteilt, deren Open Banking Plattform im Oktober an den Start gehen soll.

Die Aufregung ist auch deshalb so groß, weil es sich hier nicht einfach um das nächste FinTech handelt, sondern um ein etabliertes Unternehmen, dass mit seinen Vergleichsportalen einen Umsatz von mehr als einer halben Milliarde Euro pro Jahr erzielt und dank hoher Werbeausgaben (fast so viel wie Coca  Cola oder McDonalds, mehr als Opel [1]) über große Bekanntheit verfügt.

Während viele Banken und Versicherungen argwöhnisch bis ängstlich auf den Markteintritt der BigTechs warten bzw. schon die ersten Vorläufer in Form von ApplePay oder GooglePay spüren, wächst hier ein mindestens ebenso bedrohlicher Mitbewerber in der unmittelbaren Umgebung heran.

Branchenschätzungen zufolge vermittelt Check24 schon heute Leistungen im Umfang von mehr als 20 Milliarden Euro pro Jahr. [2] Auch wenn ein großer Teil davon auf Stromverträge oder Mietwägen entfällt, ist das Vergleichsportal auch bei bestimmten Versicherungs- und Finanzierungsprodukten zu einer Marktmacht aufgestiegen.

Banken & Versicherungen droht der Verlust der Kundenschnittstelle

Die bisherigen Versuche, Check24 etwas entgegenzusetzen, wirkten halbherzig bis hilflos – an das Vergleichsportal transparo erinnert sich heute kaum noch jemand. Trotz zahlreicher Kritik von Branchen – ebenso wie Verbraucherverbänden und zahlreichen juristischen Auseinandersetzungen –  ist die in München ansässige Unternehmensgruppe aus dem deutschen Banken- und Versicherungsmarkt nicht mehr wegzudenken.

Auch wenn sich auf den ersten Blick am Geschäftsmodell, der Vergleichs- und Vermittlungstätigkeit, nicht viel ändern dürfte, so sollten in den Vorstandsetagen von Banken und Sparkassen doch die Alarmglocken läuten, denn es droht nichts anderes als der Verlust der Kundenschnittstelle!

Während die Vermittlung bisher das aktive Interesse des Kunden und die Beschäftigung mit dem Thema vorausgesetzt hat, können Preisvergleiche und damit einhergehende (und provisionsträchtige) Wechselangebote zukünftig als eine Zusatzleistung des (vermutlich kostenfreien) C24-Girokontos angeboten werden. Nirgendwo erfährt man mehr über die laufenden Verträge eines Kunden als aus der Kontodatenanalyse.

Mit etwas analytischem Geschick, welches man bei einem Unternehmen wie Check24 voraussetzen darf, wird also der Verlust des Girokontos dazu führen, dass Kunden auch andere und vielleicht bessere Angebote für Ratenkredite und Wohnbaufinanzierungen, Haushalts- und Kfz-Versicherungen bekommen werden. Banken und Versicherungen werden so zu reinen Produktlieferanten degradiert, deren Leistungen fast nur noch über den Preis verglichen werden.

Die Player der Finanzbranche müssen nun reagieren

Nun ist Check24 bei weitem nicht der einzige und vielleicht auch nicht der gefährlichste Konkurrent in der neuen Welt der Portale, Plattformen und Ökosysteme. Klar ist nur, dass Plattformen kein kurzlebiger Trend sind, der wieder verschwinden wird, sondern vielmehr ein Paradigmenwechsel. Wie sollen sich also etablierte Finanzdienstleister positionieren, um in der Plattformökonomie bestehen zu können?

Für manche Unternehmen, vor allem jene, die mit schlanken Prozessen und modernen IT-Systemen spezialisierte Finanzprodukte zur Verfügung stellen, mag die Rolle als Produktlieferant, der selbst kein großes Vertriebsnetz unterhalten muss, genau die richtige sein.  Andere wiederum werden den Wert gewachsener Kundenbeziehungen in den Vordergrund stellen und diesen Kunden ein kuratiertes Angebot weiterer, vielleicht sogar branchenfremder, Leistungen anbieten.

Neben der grundsätzlichen Wahl der Strategie gilt es nicht nur zu überlegen, ob das Angebot selbst oder mit einem Partner, ggf. als White-Label-Lösung, zu entwickeln ist, sondern vor allem, welche Kundengruppen man mit diesem Angebot erreichen und welche Produkte man über Plattformen zur Verfügung stellen will.

Der Weg in die Plattformökonomie ist unausweichlich

Die Erfahrung aus verschiedenen Projekten hat gezeigt, dass Banken und Versicherungen mit gewachsener Produkt- und Prozesslandschaft gut daran tun, sich nicht auf die Rolle des Lieferanten zu beschränken, sondern in eine eigene Plattformlösung zu investieren.  Hierbei gilt es aber, die Digitalaffinität der Kunden ebenso wie auch die Plattformeignung von Produkten und Wertschöpfungsketten genau zu analysieren, um zeitnah und kostengünstig ein fokussiertes Angebot in den Markt bringen zu können.

Neben dem Marktumfeld und den technischen Hürden gibt es eine weitere Herausforderung, die oftmals übersehen oder unterschätzt wird: Verunsicherung und Widerstände im eigenen Haus. Die Bedenken gegenüber Plattformen sind dieselben wie bei vielen anderen Innovationen: Angst vor Kannibalisierung der Wertschöpfungskette aber auch vor der Redundanz der eigenen Leistung vor dem Hintergrund von Digitalisierung und Automatisierung. Hier gilt es, zeitnah zu informieren und den Veränderungsprozess zu begleiten.

[1]https://de.statista.com/statistik/daten/studie/167001/umfrage/werbetreibende-mit-den-hoechsten-ausgaben-fuer-werbung/)

[2]Check24 gegen die Finanzbranche – schon wieder. In: Capital. Nr. 06/2017

TME als Spezialist für digitale Transformation begleitet Banken, Bausparkassen und Versicherungen auf dem Weg in die Plattformökonomie – von Strategie und Geschäftsmodellentwicklung über die Auswahl und Anbindung geeigneter Partner bis hin zur (agilen) Umsetzung. Darüber hinaus helfen wir unseren Kunden bei der digitalen Produktentwicklung und Prozessoptimierung ebenso wie im Bereich People und Change Management.

Autoren

Raik Borkowski

Raik ist Experte für Open Banking und PSD2. Gemeinsam mit dem Team Digital Transformation berät er digitale Lösungen rund um die neue Zahlungsdiensterichtlinie sowie im Thema digitale Plattformen.

Stefan Ruhland

Stefan Roßbach Partner TME AG

Stefan Roßbach

Stefan ist Mitgründer der TME AG. Als Partner betreut er den Bereich Digital Transformation.