TME Experteninterview

Interview mit Wolfgang Gerken, SEB

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Sie sind aus der Beratung kommend zuerst in die Bank, dann zur Aufsicht
und dann wieder in eine Bank gegangen: Wie hat Ihr Werdegang Ihre Sicht auf das Thema Regulatory beeinflusst bzw. wie hat sich Ihre Meinung verändert?

Tatsächlich arbeite ich schon deutlich länger mit aufsichtsrechtlichen Themen. Die ersten Berührungspunkte gehen sogar schon zurück in das Jahr 1998, als es um die Umsetzung der MaH, die Mindestanforderungen an das Betreiben von Handelsgeschäften, ging. Damals war ich bereits involviert in die Umsetzung in einer kleinen Sparkasse, ohne wirklich zu wissen worum es ging. Mit den Jahren habe ich mich immer weiter mit den Themen auseinandergesetzt. Ab 2004 habe ich mich nur noch mit aufsichtsrechtlichen Themen beschäftigt.

2004 war ich Teil der Konsultationen auf Bankenverbandsseite für Basel II. Was aus unserer Sicht damals als sehr wichtig angesehen wurde, nämlich bestimmte Elemente für die deutschen Institute in die Baseler Rahmenwerke zu integrieren, muss ich 15 Jahre später konstatieren, war vielleicht im Ergebnis nicht wirklich [immer] sinnvoll. Insgesamt muss man sagen, dass natürlich verschiedene Interessenverbände und -vereinigungen versuchen, ihre Sichtweise in solche Konsultationen einzubringen und je mehr [Parteien] Meinungen einbringen, desto komplexer werden Vorschriften. Es ist also nicht immer nur den Aufsichtsbehörden oder den Regulierungsbehörden geschuldet, sondern auch oft der massiven Einflussnahme der Industrieinteressenvertreter.

Insofern hat sich über die Jahre meine Sichtweise verändert. Für mich war Bankenaufsicht auch immer eher Kunst und weniger Wissenschaft. Leider muss ich heute feststellen, dass viele Aufsichtsbehörden wissenschaftlich versuchen, diese sehr stark technisch bzw. analytisch vom Schreibtisch aus zu betreiben, während aus meiner Sicht, eine qualitativ hochwertige Aufsicht sehr viel stärker inhaltlich getrieben – sehr dialoggetrieben sein sollte.

Man hat auch gesehen, dass im Grunde völlig andere Profile in die Bankenaufsicht gekommen sind. Vor 5 oder 10 Jahren war [Bankenaufsicht] noch eine Nische, bzw. generell wurden aufsichtsrechtliche Themen als Nische wahrgenommen. Wenige Spezialisten fanden Interesse daran. Heute hingegen haben alle jungen talentierten Absolventen/innen aus juristischen, volkswirtschaftlichen, betriebswirtschaftlichen und mathematischen Studiengängen Interesse an Bankenaufsicht gefunden.

Als jemand, der jetzt nicht mehr Vorgaben macht bzw. deren Einhaltung prüft, sondern diese Vorgaben umsetzen muss: Wie beurteilen Sie den regulatorischen Druck, der auf Banken lastet?

Der Druck ist natürlich enorm. Er hat insbesondere durch die Finanzkrise extrem zugenommen. Auf die bestehenden Regime wurden weitere Regime gesetzt. Es wurde nicht nur der SSM (Single Supervisory Mechanism) gegründet, auch der SRB, der Abwicklungsmechanismus, wurde gegründet. Auf europäischer Ebene wurden sehr viel neue zusätzliche Vorschriften erlassen, die vielleicht nicht immer, gesamtheitlich betrachtet, ineinandergreifen. Dies ist eine riesige Herausforderung für die Bankenindustrie. Darüber kann man natürlich geteilter Meinung sein, man kann sich auch darüber beschweren, aber das ist teilweise durch die Industrie selbst verschuldet.

Klar ist, dass es ohne Regulierung nicht geht. Nach all dem, was wir in den letzten Jahrzehnten gesehen haben, benötigen wir eine Bankenaufsicht.

Tatsächlich ist der Druck mittlerweile so hoch, dass vor allem kleinere Institute besonders unter Druck geraten. Eigentlich wollen wir die großen Institute besser beaufsichtigen, um das Thema „too big to fail“ in den Griff zu bekommen. Wir betreiben die Aufsicht für große Institute, drängen dabei jedoch [teilweise] die kleinen Institute aus dem Markt, weil sie den Anforderungen der Aufsicht gar nicht mehr gewachsen sind. Dies war sicherlich nicht intendiert, ist jedoch das, was ich definitiv beobachte.

In den USA hat in den letzten Jahren eine Kehrtwende stattgefunden, Deregulierung ist das Thema der Stunde und auch Banken und andere Finanzdienstleister werden davon profitieren. Muss Europa nachziehen? Droht sonst ein Wettbewerbsnachteil für international tätige Banken? Wie kann die Aufsicht europäische Banken dabei unterstützen, ihre Wettbewerbsfähigkeit wiederzuerlangen?

Das amerikanische Bankensystem funktioniert doch schon etwas anders als das Europäische. Es ist sehr viel stärker kapitalmarktgetrieben, das haben wir so in Europa noch nicht. Die EU ist gerade dabei, die Kapitalmarktunion zu forcieren. Das wird unmittelbar Auswirkungen auf die europäischen Banken haben.

Kann die europäische Bankenaufsicht [bei der Wiedererlangung der Wettbewerbsfähigkeit] helfen? Das ist immer eine Frage, ob sie sich auch in der Lage und Situation sieht und auch selbst ein Mandat daraus ableitet. So, wie [Aufsicht] im Moment betrieben wird, sehe ich es kritisch. Es wäre aber sinnvoll, wenn man sich in Europa sehr viel stärker um das Thema Proportionalität kümmern würde und ein bisschen bankindividueller Aufsicht betreibt und nicht nur versucht, Banken zentralistisch zu beaufsichtigen. Es gibt natürlich geteilte Meinungen hierzu und wir haben ja auch sehr unterschiedliche Märkte in Europa. Aber wenn wir eine einheitliche Aufsicht betreiben wollen, dann sollte man meines Erachtens doch mehr Augenmaß halten und vor allem das Thema Proportionalität auf die Agenda setzen. Das machen die deutschen Behörden im Grunde genommen auch, aber ich denke, da wäre noch sehr viel mehr Spielraum.

Überall klagen Banken über die zunehmenden regulatorischen Anforderungen und die damit verbundenen Kosten. Sie kennen beide Seiten und haben in der Vergangenheit auch beraten: Wie können Banken abseits von „being compliant“ Nutzen aus den regulatorisch motivierten Investments ziehen? Die Daten, Systeme und Prozesse auch zur Generierung von Geschäften und anderen wertschöpfenden Aktivitäten nutzen?

[Eine Bank] muss sich darüber Gedanken machen, ob [sie] einen sehr passiven Ansatz fahren möchte und schlichtweg nur Anforderungen erfüllt („compliant“ sein), oder ob man die aufsichtlichen Anforderung als strenge Nebenbedingung betrachtet und sich viel mehr gesamtheitlich, gesamtbankorientiert, Vorschriften und deren Bedeutung anschaut. Man muss raus aus dem Silodenken, wie es leider nach wie vor in vielen großen Instituten vorherrscht – dass Finance etwas anderes macht als Risk, Risk etwas anderes macht als Compliance; ähnliche Fragestellungen werden völlig individuell und wenig aufeinander abgestimmt betrachtet.

Zu welchen Strategien und Maßnahmen raten Sie anderen Banken zur Bewältigung der immer noch stetig steigenden regulatorischen Anforderungen? Wird es mehr Ressourcen, neue Technologien oder doch andere Ansätze brauchen? Müssen Banken auch regulatorisch agil werden?

Es gibt sicherlich nicht den einzig richtigen Ansatz. Es muss vor allem auf die Organisation der Institute passen. Sicherlich benötigt man ein anderes Profil, man benötigt Leute, die sehr viel gesamthafter denken, die im Grunde genommen die gesamte Bank verstehen; [diese] müssen verstehen, in welchem Umfeld eine Bank sich bewegt. Banken und Bankenaufsicht kann man nicht in der Isolation betreiben und man muss sehr viel mehr [analysieren], in welchem Umfeld eine Bank aktiv ist und was dies [für die Bank] bedeutet.

Aus meiner Sicht sollte man ein sehr proaktives Modell wählen, in das man eine zentrale Koordinierung von Aufsichtsthemen implementiert. Diese soll sicherstellen, dass die gesamte Organisation versteht, was es für Vorschriften gibt und was es für das jeweils relevante Geschäftsmodell bedeutet.

Im nächsten Jahr steht wieder ein EBA Stresstest bevor – welche Ergebnisse und welchen Erkenntnisgewinn erwarten Sie auf der Grundlage Ihrer Markt- und Aufsichtskenntnis? Welche Banken müssen zittern, welche können dem Stresstest entspannt entgegensehen?

Stresstests sind immer Momentaufnahmen und sind sehr stark Szenarien getrieben. Aus der Vergangenheit sieht man oft, dass viele Ergebnisse, die prominent in den Schlagzeilen landen, immer nur Bruchstücke der gesamten Wahrheit sind, wenn es denn DIE Wahrheit aus einem Stresstest geben sollte.

Die [kommende] Methodik ist veröffentlicht bzw. steht zur Konsultation von der EBA bereit, aber es ist noch nicht klar, welche Szenarien dieses Mal zur Anwendung kommen sollen.

Welche Banken müssen zittern? Aus meiner Sicht sollte man Stresstests auch nicht zu hoch bewerten. Sie sind ein sehr sinnvolles Instrument, um sich bestimmte Szenarien und Simulationen anzuschauen und um zu gucken, wie sich Banken unter ähnlichen Bedingungen verhalten werden. Es gibt allerdings nicht die einzig richtige Antwort, die sich daraus ableiten lässt. Denn jedes Institut ist individuell unterwegs. Bestimmte Geschäftsmodelle passen manchmal nicht auf die Szenarien. Wenn man sich dann Ergebnisse anschaut und eigentlich nicht vergleichbare Institute unmittelbar nur auf Basis der Kennziffern, die aus dem Stresstest abgeleitet werden, vergleichen möchte, besteht die Gefahr, dass falsche Schlussfolgerungen gezogen werden oder auch Steuerungsimpulse abgeleitet werden, die vielleicht gar nicht so sinnvoll sind für das einzelne Institut.

Welches Institut sich entspannt zurücklehnen kann? Sicherlich die Institute, die in den letzten Jahren massiv in Stresstestressourcen und in Infrastruktur investiert haben. Diese sind sicherlich mehr und einfacher in der Lage, die Stresstests als solche operationell zu bestehen. Ob die Ergebnisse schließlich das sind, was die [jeweilige] Bank sich vorstellt, das ist eine andere Frage. Banken, die nach wie vor sehr viel manuellen Aufwand betreiben, sind diejenigen, die extrem hohe Kosten tragen werden und das sind auch diejenigen, die am meisten zittern müssen, selbst wenn ihre Ergebnisse, nämlich die Eigenkapitalanforderung nach Stresstest im Grunde genommen gar nicht so schlecht sind.

TME Interview mit Wolfgang Gerken

TME Interview mit Wolfgang Gerken

Head of Supervisory Relationship Management, SEB

Stefan Steinhoff (Partner TME) & Wolfgang Gerken  (SEB)
(von links nach rechts)